Das ist keine Technik, das ist Haltung.
Rolf Willm denkt PV-Lärmschutz nicht als Nischenprodukt, sondern als Antwort auf eine der zentralen Infrastrukturfragen unserer Zeit: Wie schaffen wir die Energiewende, ohne zusätzliche Flächen zu versiegeln? Im Gespräch spricht er über Verantwortung, Sichtbarkeit und den langen Weg von der Ausnahme zur Regel.
Frage: Herr Willm, PV-Lärmschutz existiert seit mehr als zehn Jahren. Warum ist er noch immer kein Standard?
Das ist die Frage, die mich am längsten beschäftigt.
Technisch ist alles da. Die Systeme funktionieren. Die Praxisprojekte belegen es. Die Wirtschaftlichkeit ist nachweisbar. Und trotzdem ist jedes Projekt noch immer ein kleines Stueck Pionierarbeit.
Ich glaube, der Kern liegt in der Planungskultur. Lärmschutz wird in Deutschland noch zu oft als reine Pflichtübung betrachtet – als Barriere, die gebaut werden muss, damit man weitermachen kann. PV-Lärmschutz erfordert eine andere Denkweise: nicht Pflicht und Mehrwert als getrennte Posten, sondern als integriertes System von Anfang an.
Das erfordert Planer, die beide Welten kennen. Es erfordert Auftraggeber, die bereit sind, etwas komplexer zu denken. Und es erfordert politische Rahmenbedingungen, die genau das belohnen. Noch sind alle drei nicht konsequent genug.
Frage: Was bedeutet es gesellschaftlich, wenn eine Infrastrukturfläche nicht nur schützt, sondern auch produziert?
Es verändert die Wahrnehmung von Infrastruktur grundlegend.
Lärmschutzwände sind in der öffentlichen Diskussion meist das Negativbild: grau, klobig, notwendiges Uebel. Das ist nachvollziehbar – aber es ist nicht die ganze Wahrheit.
Wenn dieselbe Wand Strom für eine Schule erzeugt, wird sie sichtbar. Wenn Anwohner wissen, dass ihre Energiegenossenschaft den Strom von der Wand verkauft und davon profitiert, entsteht eine ganz andere Beziehung zur Infrastruktur. Aus einer Barriere wird ein Teil der Lösung.
In Neuötting hat mir das die Rückmeldungen gezeigt: Die Bevölkerung war nicht nur Akzeptant – sie war stolz. Das ist kein Nebeneffekt. Das ist ein Argument für jeden Auftraggeber, der wissen will, warum er mehr investieren soll.
Frage: Deutschland hat über 6.000 km Lärmschutzwände. Was würde passieren, wenn ein substanzieller Teil davon PV-integriert wäre?
Laut einer Studie aus 2022 könnte dieses Potenzial bis zu 1.412 Gigawattstunden Solarstromertrag pro Jahr liefern. Das entspricht dem Jahresbedarf von mehr als 400.000 Haushalten.
Aber ich denke, die eigentliche Bedeutung liegt woanders. Die Energiewende hat in Deutschland ein Akzeptanzproblem. Windräder sind umstritten. Solarparks konkurrieren mit Landwirtschaft und Naturschutz. PV-Lärmschutzwand hätten weder das eine noch das andere Problem. Sie stehen auf Flächen, die ohnehin bebaut sind. Sie brauchen keine Umwidmung, keine neuen Genehmigungen, keine Flächen, die jemand anderem gehören.
Das ist kein Argument für PV-Lärmschutz als Ersatz für andere Erneuerbaren. Aber es ist ein ernstes Argument für PV-Lärmschutz als sinnvollen Baustein einer breiten Energiestrategie.
Frage: Was muss sich politisch verändern, damit diese Potenziale gehoben werden?
Drei Dinge – und die sind alle machbar, wenn der Wille da ist.
Erstens: Die Förderlogik muss die Doppelnutzung abbilden. Heute werden Lärmschutz und PV in der Förderung getrennt behandelt. Eine integrierte Betrachtung, die den Zusatznutzen der PV berücksichtigt und Substitutionsbeiträge klar definiert, würde vielen Projekten die wirtschaftliche Grundlage geben, die sie brauchen.
Zweitens: Standardisierung in der Ausschreibung. Straßenbau Behörden und Kommunen brauchen Vorlagen, mit denen sie PV-Lärmschutz ausschreiben können, ohne jedes Mal das Rad neu zu erfinden. Das reduziert Transaktionskosten und senkt Hemmschwellen.
Drittens: eine klare politische Botschaft. Nicht als Pflicht – das wäre falsch. Sondern als Anreiz. Jede neue Lärmschutzwand soll auf ihr PV-Potenzial geprüft werden. Nicht mehr, nicht weniger. Das ist realistisch, umsetzbar und würde die Landschaft verändern.
Frage: Was erwarten Sie von KOHLHAUER VOLTA in den nächsten fünf Jahren?
Dass VOLTA kein Spezialprodukt mehr ist. Dass es Teil des Standardangebots ist, das jeder Planer kennt und das in jedem Lärmschutzprojekt geprüft wird.
Ich bin überzeugt, dass wir in fünf Jahren in einer anderen Situation sind. Die PV-Kosten sinken weiter. Die politischen Rahmenbedingungen verbessern sich, weil die Energiewende keine Wahl lässt. Und die Praxisprojekte, die wir heute umsetzen, werden die Referenzen sein, auf die sich Planer und Kommunen stützen.
Was mich antreibt, ist nicht der große Durchbruch. Es sind die einzelnen Projekte. Jede Wand, die ans Netz geht. Jede Schule, die günstiger Strom bekommt. Jede Genossenschaft, die einen neuen Betriebsgegenstand hat. Das multipliziert sich. Und irgendwann ist aus dem Sonderfall die neue Normalität geworden.
Das ist die Zukunft, für die wir arbeiten.
PV-Lärmschutz ist kein Sonderfall. Es ist die Infrastruktur der Energiewende – und sie hängt an unseren Straßen und Schienen.




